Zurück zum Archiv
Die Eichenwacht bei Dämmerung — ein befestigter Familiensitz mit Saphirglasfenstern, in dem ein Junge zum ersten Mal die Last eines Namens spürte.
Figur· AndarisBand 1

Andaris’ Kindheit in der Eichenwacht

Eine Figur · Band 1

Jeder Turm wirft einen Schatten. Die Kunst besteht darin, nicht darin zu ersticken.

Andaris lernte früh, dass ein Adelssitz aus vielen Stimmungen besteht. Am Morgen roch die Eichenwacht nach Wachs und frischem Holz, wenn die Dienste die Tische polierten. Am Abend nach dem Essen roch sie nach Wein und nach der Spannung, die sein Vater mit sich trug wie einen unsichtbaren Mantel.

Er mochte die kleine Bibliothek am Nordturm am liebsten. Nicht wegen der Bücher — er konnte noch nicht alle lesen — sondern wegen des Lichts. Das Saphirglas war alt und bläulich, und wenn die Sonne tief stand, legte sich ein Schimmer über die Seiten, als würde die Welt draußen versuchen, hineinzulesen.

Einmal fand er im obersten Regal ein zerrissenes Blatt. Darauf standen Wörter, die er nicht verstand: Netz. Wurzelträger. Lastführung. Er steckte es ein und vergaß es. Jahre später, in einer Nacht, in der das Feuer unter der Tür züngelte, fiel es ihm wieder ein — und er wusste, dass einige Antworten einem früh gegeben werden, bevor man bereit ist, sie zu hören.

Sein Vater war streng, aber nicht grausam. Er lehrte Andaris, dass ein Name nicht nur gehört, sondern getragen werden müsse. Andaris trug ihn manchmal schwer. Doch wenn er abends am Fenster stand und über Borkenhag hinunterblickte, auf die Lichter, die wie kleine Kerzen im Dunkel schwammen, spürte er, dass die Eichenwacht mehr war als Stein. Sie war ein Versprechen — und ein Gefängnis zugleich.